Skip to main content
Schreiben Sie uns. Wir rufen Sie gerne zurück!

Sitzen im 135-Grad-Winkel: Ist Rumlümmeln gesünder?

Jahrzehntelang wurde  uns von den arbeitsmedizinischen Weisen der 90-Winkel im Chor gepredigt: 90-Grad-Winkel von Rücken zum Oberschenkel, 90-Grad-Winkel von Oberarm zu Unterarm, von Wade zu Fußsohle. Wenn man in rechwinkeligen Büros sitzt, vor rechteckigen Papieren und rechtwinkeligen Monitoren, erscheint einem diese Idee recht bzw richtig.

Allein vom Wortklang her schon plausibel irgendwie. Diese Diktatur des Sonderfalls  ”Rechter Winkel” hält sich hartnäckig und hat uns bis heute fest im Griff: Wo immer die richtige Grundeinstellung eines Büromöbels,  eines Bürostuhles, eine Schreibtisches illustriert wird, ist er da.
Irgendwann in den 90er Jahren des vergangenen Jahrtausends tauchte auf einmal – Revolution! – der “Offene Sitzwinkel” auf.  Ein Winkel größer als 90 Grad von Rücken zum Oberschenkel  soll die ungesunde Beckenkippung verhindern und damit die Tendenz zum  krummbuckeligen Sitzen mit ihrer starken Belastung der Bandscheiben minimieren. Klingt auch plausibel.

Jetzt treibt der kanadische Radiologe Amir Bashir eine neue Sau durch unser ergonomische Dorf: 135 Grad – das ist es jetzt! In dieser hingelümmelten, halbliegenden Position sei die Belastung der Bandscheiben am geringsten – ergo ist das am gesündesten. Klingt plausibel. Ist es aber nicht.
Wenn ein Gerät zur Vermessung des Bandscheibendruckes das einziges Werkzeug des Herrn Bashir ist, demzufolge der geringste Bandscheibendruck sein einziges Kriterium für Gesundheit ist,  braucht man sich über solche “Erkenntnisse” nicht wirklich zu wundern.  Schon der gesunde Menschenverstand flüstert uns zu: Achtung Falle!  Der gemeine Büromensch in halbliegender fötaler 135-Grad-Grund- und Dauerstellung würde sicher schon Jahre vor dem Erreichen seines Rentenalters zur muskellosen, gallertartigen Gewebemasse mutiert sein. Wegen chronischer Unterforderung und Rückbildung seines Muskel-und Skelettapparates könnte er wahrscheinlich nicht mehr alleine aufstehen – aber der Bandscheibendruck wäre prima, weil nicht mehr vorhanden. Die Bandscheibe, die bekannterweise wie ein Schwamm nur durch Bewegung mit Flüssigkeit versorgt wird, weil sie kein eigenes Gefäßsystem besitzt, wäre zu einer Art Unterlegscheibe von knäckebrotartiger Konsistenz vertrocknet. Das könnte man ja eventuell noch irgendwie verkraften, aber:  Vor meinen geistigen Auge sehe ich ganze Grossraumbüros voll mit rumliegenden, zur Frühverfettung neigenden Lümmlern. Nein und nochmals nein. Das wollen wir nicht sehen,  das sieht scheisse aus und macht keinen guten Eindruck…

Ich rufe Ihnen zu, Herr Bashir: das einzig Senkrechte ist mehr Bewegung, mehr Abwechslung, stehen, sitzen, gerade, vorgebeugt, zurückgelehnt (von mir aus auch mal kurz 135-Grad), gehen, Treppe steigen, im Stehen telefonieren. Das alles ist gesund und sieht dazu noch prima aus…


About the Author

Michael Ehlers

Mehr Beiträge dieser Autorin

Kommentare

Keine Kommentare

Einen Kommentar schreiben

* Pflichtfelder